03.08.2012 18:22

Keine Angst vor Misstrauensanträgen

Der Abgeordnete Jan Cechlovsky gehört zu den Motoren des Projekts „Eine Chance für dich“
Keine Angst vor Misstrauensanträgen

Misstrauensanträge erschrecken die Abgeordneten der Regierungskoalition im tschechischen Parlament kaum noch. „Sie sind populär bei der Opposition, die damit zeigt, dass sie noch da ist,“ sagt Jan Cechlovsky. Er ist 38 Jahre alt und seit zwei Jahren für die konservative Demokratische Bürgerpartei (ODS) von Ministerpräsident Petr Necas im Parlament. Erst vor Kurzem scheiterte ein weiterer Misstrauensantrag der oppositionellen Sozialisten. Jan Cechlovsky macht mit seiner Familie zurzeit Urlaub im Kreis Reutlingen.
Das ist kein Zufall. Er war hier schon im Rahmen des 1988 gegründeten deutsch-tschechischen Jugendaustauschprojekts „Eine Chance für dich“ zwischen Reutlingen und Chrudim. Er studierte Sozialarbeit und Sozialpolitik und war im Landkreis Chrudim der erste Sozialarbeiter. Damals war noch nicht einmal klar, was genau seine Aufgaben sein sollen. Er gründete ein Jugendhaus, organisierte Festivals – richitige Pionierarbeit mit Unterstützung aus Reutlingen.
Zufall war es, dass gerade die 24 000 Einwohner-Stadt in Ostböhmen für das Projekt ausgewält wurde. Zwei Männer standen dahinter. Sie waren mehr als nur die geistigen Väter des Projekts: Lubos Jelinek und Herbert Leitze, der frühere Reutlinger Kreisjugendpfleger. Das noch junge Projekt überstand die sanfte Revolution in der damaligen Tschechoslowakei 1989 und inzwischen zu einer Partnerschaft zwischen dem Regierungspräsidium Tübingen und dem Regierungsbezirk Pardubice geworden, weil der ehemalige Landkreis Chrudim bei der Gebiets- und Verwaltungsreform in Tschechien aufgelöst worden war.
Seit 1988 gibt es regelmäßigen Austausch von Gruppen junger Menschen aus beiden Ländern, Künstlertreffen, Semináře und eine Vielzahl von Projekten in Bereichen wie Ökologie und Naturschutz, Medien oder Theater. Jan Cechlovsky ist einer derjedigen, die das Projekt begleiten und auch von berufs- und amtswegen förderten. Als Sozialarbeiter kannte er die sozialen Brennpunkte in der Stadt und wo etwas geändert werden musste. Er ging in die Kommunalpolitik und wurde stellvertretender Bürgemeister in der malerischen Stadt. Bei den Kommunalwahlen vor sechs Jahren wurde er schließlich zum Bürgermeister gewählt. Das blieb er vier Jahre.
Als sich im aber die Chance eröffnete, im Bezirk Pardubice für die ODS fürs tschechische Parlament zu kandidieren, ergriff er sie beim Schopfe. Er schaffte es auf Anhieb ins Parlament, obwohl er keinen besonders aussichtsreichen Listenplatz erhalten hatte. Und seine Wahl ist umso höher zu bewerten, als die ODS bei den Wahlen 2010 mit knapp über 20 Prozent nach erdutschartigen Verlusten ihr schlechtestes Ergebnis seit der Gründung 1991 eingefahren hatte. Sie wurde zweitstärkste Kraft im Parlament nach den Sozialisten. Doch Petr Necas konnte eine Koalition bilden und regiert seitdem. Cechlovsky selbst vereinigte als bisheriger Bürgermeister viele Wähler auf sich. Hinzu kam seine Bekanntheit, weil er in Chrudim Fußball gespielt hat, inzwischen Vorsitzender des örtlichen Fußballklubs ist und lange Jahre in der populären Volkstanzgruppe mitgetanzt hatte.
Seit zwei Jahren sitzt er nu nim Parlament. Als Mitglied der Sozialkommission brachte er die Novellierung des Gesetzes über sozialen und rechtlichen Schutz von Kindern mit auf den Weg. „Das ist doch etwas Positives,“ freut er sich. Das bedeutet unter anderem eine Verbesserung für Kinder und Jugendliche aus schwierigen häuslichen Verhältnissen, die jetzt in Gast- bzw. Pflegefamilien untergebracht sind, bis die häuslichen Verhältnisse wieder geordnet sind. Er ist Mitglied weiterer Ausschüsse.
Cechlovskys Gelassenheit bei Misstrauensanträgen überrascht, denn im tschechischen Abgeordnetenhaus geht es denkbar knapp zu und die Sozialisten hatten früher schon mal Erfolg mit einem Misstrauensvotum. Die konservativ-liberale Koalition verfügt nur über genau 100 der 200 Sitze. Jede Stimme zählt also.
Die Arbeit eines Bundesabgeordneten und eines Abgeordneten in Tschechien unterscheidet sich in einigen Punkten. „Es gibt sechswöchige Aktionszyklen,“ schildert er, „bestehend aus zwei bis drei Sitzungswochen, die 4. und 5. Woche sind der Ausschussarbeit vorbehalten, die 6. Woche dem Wahlkreis. Auch die Montage dienen der Arbeit im Wahlkreis.“ Die Wochenenden hingegen sind weitgehend tabu und der Familie vorbehalten. Das kommt den Cechlovskys mit ihren drei Kindern entgegen.
Traurig vinder er es, dass das Ansehen der Politiker insgesamt nicht groß ist. Korruptionsfälle, unpopuläre Sparmaßnahmen, ewig lange Streitereien. „Jeden Monat denke ich von Neuem, es kann so nicht weitergehen.“ Diplomatisch spricht er von „schlechter Atmosphäre und vielen Spannungen.“ Denoch will er sich aus heutiger Sicht zur Wiederwahl stellen.

2. srpna 2012, Reutlinger General-Anzeiger

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